Nicht-Wissen

Unser Bildungssystem befindet sich in einem Rausch des Wissens und Könnens. Natürlich zielt Bildung auch auf die Aneignung von Wissen und Kompetenzen ab. Wenn diese Zwischenetappen uns allerdings auf dem Weg des lebenslangen Lernens zu wichtig erscheinen, dann verlieren wir unsere Beweglichkeit. Etwas nicht zu wissen oder zu können darf nicht abgewertet werden sondern im Gegenteil: Die Aufmerksamkeit auf das Nicht-Wissen ist eine wertvolle Wahrnehmung der Wirklichkeit und der erste Schritt einer selbstbestimmten Weiterentwicklung. Diese Erkenntnis ist schon Jahrtausende alt (siehe Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“) und trotzdem wird sie vor allem in unserer heutigen Welt viel zu wenig in gesellschaftliche Entwicklungsprozesse und pädagogische Kontexte einbezogen. Im Gegenteil: Klassische Lehrer*innen haben es systembedingt schwer mit dem „Nicht-wissen“ (siehe weiter unten).

Wie sensibilisieren wir uns für die Relativität von Wissen? Wie kultivieren wir den Wert von ausdrücklichem Nicht-Wissen und machen ihn für unsere Anliegen nutzbar?



Ilan Stephani gibt in einem Interview des Oya-Magazins dazu spannende Impulse:

Das muss mein Nervensystem spüren

Oya-Redakteurin Maria König sprach mit Ilan Stephani über ihre Arbeit als Traumatherapeutin und die Dynamik zwischen Ängsten und Geborgenheit in einer Gruppe.

von Ilan Stephani , Maria König , erschienen in 54/2019

Maria König: Es gibt zahlreiche Gemeinschaften und Projekte, die einen nährenden Wandlungsimpuls in die Gesellschaft ­tragen wollen. Wie können wir wacher werden für Kipppunkte, an denen ein solches Projekt entweder ideologisiert oder für egoistische Zwecke funktionalisiert wird?  
Ilan Stephani: Jede Form von Wissen ist ja ein temporäres und relatives Wissen. Der Raum des Nicht-Wissens ist der Ozean, in dem diese Wissens­inseln schwimmen. Auf der Suche nach der richtigen Richtung für eine Gemeinschaft klammern wir uns oft an einer kleinen Insel von Wissen fest, ohne uns immer wieder in diesen Ozean fallen zu lassen. Anders ausgedrückt: Wenn das Nicht-Wissen nicht verehrt wird, dann wird Wissen übergriffig, oder es wird von Menschen überbewertet. Dann entsteht eine Starre an einer Stelle, an der das Leben weitergehen soll, und an solchen Stellen fangen Menschen in Gemeinschaften zum Beispiel an, jemanden zum Guru zu erheben und Schattenseiten auszuleben. Ich glaube, das ist ein wichtiger Kipppunkt.

Maria König: Wie kann sich ein Mensch in einer leitenden Rolle also sinnvoll verhalten?
Ilan Stephani: Jeder Mensch, der als Vorbild oder Leitungsfigur agiert, muss regelmäßig – bildlich gesprochen – nackt vor der Gruppe stehen und sagen: »Ich habe keine Ahnung!« Ohne dieses Todesritual, alte Wissensstrukturen bewusst sterben und in den Ozean von Nicht-Wissen zurückfließen zu lassen, sehe ich keine Möglichkeit, wie auch der beste Gemeinschaftsansatz auf Dauer wirklich mehr Leben generiert, statt sich nach und nach durch seine eigenen Traumata aufzufressen. Es geht darum, immer wieder das eigene Überfordertsein vom Abenteuer des Lebens zu zeigen und zu verkörpern.

Den ganzen Artikel kannst du hier lesen!

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Ein zentrales Hindernis Nicht-Wissen zu erlauben, sind formale Hierarchien. Wenn in einer Lerngemeinschaft bestimmte Menschen, ob sie wollen oder nicht, den Großteil der Entscheidungen treffen müssen (siehe Lehrer*innen in klassischen Schulsystem), dann müssen sie zwangsläufig dauerhaft wissen und können. Wenn allerdings notwenige Entscheidungs- und Gestaltungshierarchien funktional individuell organisiert werden, könnte auch bei „Vorbildern“ (wie Lehrer*innen wünschenswerterweise angesehen werden könnten) Raum für die ganze Person, für Ungewissheiten und Fragen entstehen. Ein Beispiel für eine solche Form der Organisation ist die „Soziokratie

Welche strukturellen oder methodischen Ansätze, um die Qualität des Nicht-Wissens zu nutzen, kennst du?

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